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#5 Notizen – Jochen Koubek (Uni Bayreuth) –
Über Computerspiele

Gaming und Studium – schließt sich das aus? Ganz im Gegenteil, findet Prof. Dr. Jochen Koubek, Professor für Angewandte Medienwissenschaft : Digitale Medien an der Universität Bayreuth. Er baute den Masterstudiengang Computerspielwissenschaften auf, heute ist sogar die Promotion möglich.

Für alle, die keine Zeit zum Zuhören haben oder sich einfach einen Überblick über das Gespräch wünschen, haben wir hier die wichtigsten Thesen und Hintergrundinfos zusammengetragen.


Thesen Thesen | Hintergrundinfos Hintergrundinfos | Tipps Tipps für Studierende


Thesen

  • Die Computerspielwissenschaften müssen sich noch immer erklären. Die deutsche Medien-Forschungslandschaft hat nicht nur infolge der Killerspiel-Debatte einen starken bewahrpädagogischen Einschlag. Daher werden derartige Studiengänge häufig verschlüsselt bzw. in englischer Sprache formuliert, so bspw. als ‚Game Studies‘, ‚Game Engineering‘ oder ‚Interactive Entertainment‘. Stellen für ComputerspielwissenschaftlerInnen sind leider noch immer rar und werden selten verstetigt. In Skandinavien sieht die Situation mit dem Vorreiter Espen J. Arseth etwas anders aus.
  • Computerspielwissenschaftler sind mehr als nur Zocker. Es geht vor allem darum, das Medium zu reflektieren. Genial zu spielen ist vielleicht eine Kunst, doch keine Wissenschaft.
  • Computerspiele sind nicht nur Unterhaltungsprodukte. Sie sind vielmehr eine Form der Simulation von Systemen, in die man eingreifen, deren Parameter man beeinflussen kann.
  • Im Medium ‚Computerspiel‘ gibt es Audrucksmöglichkeiten, die in anderen Medien deutlich schwerer fallen: Sie sind nicht darauf angewiesen, Systeme linear darzustellen, sondern können deren Komplexität und Vieldimensaionalität erfassen: Verschiedene Durchläufe eines Spiels können zu verschiedenen Ergebnissen führen. So kann ein tiefgehendes Verständnis für dynamische Systeme vermittelt werden.
  • Computerspiele können selbst zur Methode werden: Fahrsimulatoren, Serious Games oder System-Simulationen sind Anwendungsfälle.
  • Die Computerspielwissenschaft ist noch eine sehr junge Disziplin von knapp 20 Jahren und bietet noch viel unerforschtes Terrain – vor allem in den Bereichen Geschichte, Ästhetik und Theorie. Schon Bachelorarbeiten können sich leicht Fragen widmen, die so noch nicht gestellt wurden.
  • In einer Informationsgesellschaft sollte bereits in der Schule gelehrt werden, wie Informationsflüsse funktionieren. Sobald eine Person weiß, welche Prozesse hinter der Datenarbeitung grundsätzlich ablaufen, hört auch die Anhromorphisierung auf. Hier beginnt die Digitale Mündigkeit. Dabei geht es nicht um die Fähigkeit, informatische Systeme selbst zu bauen, sondern vielmehr darum, Orientierung zu geben, aufzuklären und Urteilskraft zu erlangen.
  • Die Diskussion der kulturellen Einbettung von Computerspielen findet kaum statt. Daher gibt es leider auch kaum Fachzeitschriften oder Feuilletons, die sich mit Computerspielen als Kulturprodukt beschäftigen.

Hintergrundinfos

 

Prof. Dr. Jochen Koubek

… ist Professor für Digitale Medien an der Universität Bayreuth. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Computerspielwissenschaft und -produktion, die Medienbildung und die Dimensionen der Mediengesellschaft.

Infos zu Jochen Koubek

Universität Bayreuth

Die Universität Bayreuth ist eine der wenigen Volluniversitäten Deutschlands, die Computerspielwissenschaften als Studienfach anbieten. Seit 2015 gibt es auch einen Masterstuiengang und seit 2018 kann man in dem Fach promovieren. Die Uni setzt hier auf die drei Säulen Forschung, Lehre und Spielkultur – das Spiel als kulturelle Praktik.

Infos zum Master Computerspielwissenschaft

Computerspielwissenschaft

Von Pac-Man über Super Mario bis hin zu Fallout – Computerspiele sind facettenreich. Wie die Medien Bild, Film, Musik und Literatur kann auch das Computerspiel aus historischen, technischen, wahrnehmungsästhetischen und dergleichen mehr Perspektiven untersucht werden.

Infos zur Philosophie des  Computerspiels

Infos zur Narratologie des Computerspiels

Infos zur kulturanthopologischen Dimension des Computerspiels

Ludologie

Ludologie ist die Lehre vom Spielen.

Infos zur Ludologie

Interaktionsdesign

Interface Design bedeutet so viel wie ‚Schnittstellengestaltung‘. Hier geht es darum, die Kommunikation zwischen Mensch und Maschine zu gestalten und die Interaktion zu optimieren.

Infos zum Interaktionsdesign

User Interface Design

Das User Interface Design ist gewissermaßen ein Teilbereich des Interaktionsdesigns, denn jede Interaktion zwischen Mensch und Maschine setzt die Exstenz einer Schnittstelle – eines Interface – voraus. Ziel ist eine gute Usability (Nutzerfreundlichkeit), um die Kommunikation so reibungslos wie möglich zu gestalten.

Infos zum User Interface Design

Game Jam

Ein Game Jam ist eine Art Marathon. Spieleentwickler kommen zusammen, um in konkurrierenden Teams Games zu konzipieren und zu programmieren. Der Global Game Jam ist der größte Wettbewerb seiner Art.

Infos zum Game Jam der Uni Bayreuth

Infos zum Global Game Jam

Game-Design

Ob Spielregeln, Charaktere oder Architektur: Das Game-Design bezeichnet die Gesamtheit der Teilaspekte, die zur Entwicklung von Computerspielen gehören.

Infos zum Game-Design

Ludoliteracy

Ludiliteracy bezeichnet gewissermaßen die Fähigkei, mit Spielen kompetent umgehen zu können. Grundlage ist der Dreisatz ‚Entziffern – Verstehen – Hervorbringen‘: Zunächst sollten Studierende lernen, wie man überhaupt Spiele spielt. Dies ist nicht trivial, sondern Voraussetzung für eine gute Rezeption – der Umgang mit dem Controler ist nicht immer intuitiv, sondern anspruchsvoll für die Feinmotorik. Der zweite Schritt ist das Verstehen – die Fähigkeit zur Einordnung des Mediums, der Genres etc. Die dritte Dimension ist das Hervorbringen, das Gestalten und Programmieren von Spielen, das wiederum das Verständnis des Mediums fördert.

Infos zur Ludoliterary

eSport

eSport ist ein Wettkampf wie ‚analoger‘ Sport auch. Die Unterschiede liegen im Austragungsort und der Disziplin: eSport findet in der digitalen Welt statt. Gemessen wird die Virtuosität und Geschicklichkeit von Gamern.

Infos zum eSport

Serious Games

Serious Games ist ein Genre von Computerspielen. Sie werden zur Hypothesenbildung eingesetzt oder um Kompetenzen zu erlangen, die man auch außerhalb der Spielwelt benötigt. Beispiele sind OP-Simulationen für ÄrztInnen, Plan- oder Werbespiele.

Infos zu Serious Games

Kuleshov-Experiment

Hierbei handelt es sich um ein Experiment mit dem Medium Film. Ergebnis kurz gefasst: Der Kontext beeinflusst stets die Interpretation. Es gibt kein neutrales Bild, keine neutrale Einstellung.

Infos zum Kuleshov-Experiment

Digitale Mündigkeit

Die Digitale Mündigkeit ist der selbstbestimmte Umgang mit digitaler Technik, die Bedienkomptenz und Fähigkeit zur Reflexion. Es ist die Kompetenz, geeignete Werkzeuge auszuwählen, zu hinterfragen und zu erkunden, welche ggf. besser funktionieren. Digitale Mündigkeit bezeichnet, frei nach Kant, die Fähigkeit einer Person, sich ihres eigenen Verstandes – respektive ihrer Werkzeuge – zu bedienen, um ein Ziel zu erreichen.

Link zu Kant’s Schrift „Was ist Aufklärung?“

Anthropomorphismus

Anthropomorphismus bezeichnet die Vermenschlichung von Tieren, leblosen Objekten u.a.. Insbesondere Maschinen werden im Informationszeitalter häufig anthropomorphisiert.

Infos zum Anthropomorphismus

Emulator

Ein Emulator macht es beispielsweise möglich, ein altes Konsolenspiel auf dem Desktop zu spielen. Es handelt sich um ein Programm, das ein System in Teilaspekten imitiert.

Infos zum Emulator

Computerspielemuseum Berlin

Das Computerspielemuseum in der Berliner Karl-Marx-Allee ist nicht nur ein Ausstellungsort für historische und moderne Computerspiele, sondern ermöglicht auch das Ausprobieren von Games. Vor über 20 Jahren gegründet, war es damals das weltweit erste Museum seiner Art. Auch Apple-Mitbegründer Steve Wozniak war schon zu Gast.

Infos zum Computerspielemuseum Berlin

Screencast

Ein Screencast ist eine Videoaufzeichnung der Abläufe auf dem Desktop – also eine Art ‚Bildschirmvideo‘.

Let’s Play

Normalerweise wird in Forschungsarbeiten der Computerspielwissenschaft auf ein Game als Ganzes referenziert, hierzu gehören Spiele-Publisher, der Name des Spiels, das Erscheinungsahr und ggf. die Plattform des Spiels, auf der es gespielt wurde. Soll auf einen bestimmten Ausschnitt der Story hingewiesen werden, sind Let’s Plays unabdingbar. Hier spielen Gamer ein Spiel durch und kommentieren ggf. ihre Schritte. Soll in der Forschungsarbeit auf eine bestimmte Sequenz hingewiesen werden, wird die jeweilige Minute aus dem YouTube-Film zitiert oder – falls vorhanden – aus dem Skript des Spiels. Da Art und Geschwindigkeit des Durchlaufs natürlich von der/dem jeweiligen Spieler/in des Let’s Plays abhängen, ist die Angabe der URL essenziell.

Infos zum Let’s Play

Engine

Eine Spiel-Engine ist für die Steuerung und Visualisierung des Computerspiels zuständig und kann als Entwicklungsplattform für Games genutzt werden. Unity ist eine relativ niedrigschwellige und kostenlose Engine.

Infos zu Engines

Infos zur Unity Engine

Screengrabber

Ein Screengrabber ermöglicht die einfache Aufnahme von Bildschirminhalten.

Infos zu Screen Grabber

WASD

Die WASD (benannt nach einer Gamer-Tastenbelegung) ist vom New Games Journalism geprägt und eine der wenigen Gamekultur-Magazine. Die Herausgeber bieten leider kein Vertriebsgeschäft an, das Magazin muss also aktiv bestellt werden.

Infos zur WASD

 

Tipps für Studierende

  • Erkundige dich vor Studienbeginn, welchen Fokus deine Wunschuniversität setzt! Beispielsweise hat die Computerspielwissenschaft der Uni Bayreuth – wie der Name schon verrät – einen wissenschaftlichen Schwerpunkt. Falls du also beispielsweise eher in den Computerspiel-Journalismus, in die Werbepsychologie oder in die empirische Forschung möchtest, solltest du genau recherchieren, welcher Ausbildungsort deinen Interessen entspricht.
  • Du siehst dich eher als Game Designer denn als Informatiker? Kein Problem, du musst keine eierlegende Wollmilchsau sein. Wichtig ist, dass du zwischen den Disziplinen vermitteln, dich also qualifiziert mit Informatikern unterhalten kannst – und umgekehrt. Die Grundvoraussetzung von Interdisziplinarität ist immer die Fähigkeit zum Austausch und zur Reflexion. Es geht darum, Grundprinzipien und Funktionsweisen zu kennen und sich auf dieser Grundlage unterhalten zu können. Übrigens wirst du basale Werkzeuge sowieso im Studium lernen.
  • Lerne einfach mal Unity. Die Engine ist kostenlos und perfekt für den Einstieg geeignet.
  • Wage zu denken – gerne auch interdisziplinär. Trotz des verschulten BA-/MA-Systems. Denn wenn du versuchst, dich persönlich weiterzubringen, wirst du auch herausfinden, was dir wirklich liegt.
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