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#3 Transkript – Ein Besuch bei Debora Weber-Wulff, HTW Berlin

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Debora Weber-Wulff, Professorin für Informatik an der HTW, forscht über Plagiate und setzt sich für gute wissenschaftliche Praxis ein. Mit digitaler Technik wird nicht nur das Kopieren leichter, sondern auch das Aufspüren von „Plagiierenden“ … Wir konnten einen Blick auf ihre Projekte werfen und besprechen, wie gutes Zitieren funktioniert.

Kapitelmarken
Begrüßung
Vorstellung
E-Learning und Wikipedia
Gute wissenschaftliche Praxis beginnt beim korrekten Zitieren
Plagiate: Über Guttenberg und Goethes Zähne
Ist das sauber oder kann das weg? Wie können wir mit Plagiaten umgehen?
Das Plagiatsportal und VroniPlag Wiki
Umgang der Hochschulen mit Plagiaten
Lesetipps für Studierende
Wünsche an Studenten und Hochschulen
Verabschiedung

 


Digitale Wissenschaft
Folge: #3 – Ein Besuch bei Debora Weber-Wulff, HTW Berlin
Podcast vom: 04.07.2018
Moderatoren: Jens-Martin Loebel, Carolin Hahn
Interviewgast: Debora Weber-Wulff
Bitte beachte: Das Transkript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.


[♫ Intromusik ertönt ♫]

Volker Davids: Digitale Wissenschaft. Forschung verändert sich. Wir erklären, wie.

Ein Podcast über Wissenschaft im Digitalzeitalter. Mit spannenden Interviews, Praxistipps und Forschungsprojekten von Archäologie bis Zellbiologie. Für die Forscher von heute und die KIs von morgen. Mit Jens-Martin Loebel und Carolin Hahn.

[Intromusik endet]

Begrüßung

Carolin Hahn: Ja, hallo! Willkommen zu unserem Podcast. Die dritte Folge steht nun an.

Jens-Martin Loebel: Ja schön, dass ihr wieder eingeschaltet habt.

Carolin Hahn: Heute sind wir bei Debora Weber-Wulff, die in Pennsylvania geboren ist. Sie promovierte in Kiel und ist heute Professorin für Informatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Debora Weber-Wulff ist nicht nur Wissenschaftlerin, sondern sie engagiert sich auch für die Wissenschaft an sich. Und vor allen Dingen für gute wissenschaftliche Praxis.

Jens-Martin Loebel: Genau, sie legt da den Finger in die Wunde, wo wir Wissenschaftler nicht gerne drüber reden. Nämlich in wissenschaftliches Fehlverhalten. Was passiert mit abgeschriebenen Doktorarbeiten, Habilitationen? Was passiert, wenn ein Wissenschaftler die Arbeiten seiner Studenten nimmt und die einfach als seine eigenen veröffentlicht? Über all diese Dinge und mehr haben wir mit ihr gesprochen und …

Carolin Hahn: … und vor allen Dingen, was halt richtig spannend ist: Dass die digitalen Methoden ja nun auch ganz neue Reichweiten ermöglichen. Also man kann natürlich jetzt Plagiierern viel schneller auf die Schliche kommen als es früher vielleicht der Fall war.

Jens-Martin Loebel: Man kann aber auch großflächiger Plagiate begehen. Die einfache Verfügbarkeit digitaler Ressourcen macht es natürlich auch einfach, Dinge aus sehr, sehr vielen verschiedenen Quellen zusammenzukopieren und die Herkunft zu verschleiern. Daher ist es unglaublich wichtig, eine entsprechende Arbeitstechnik mit diesen digitalen Methoden und digitalen Publikationen zu entwickeln. Auch darüber haben wir mit ihr gesprochen.

Und, ihr werdet es hören im Interview: Wir waren teilweise sogar schockiert, wie tief durch die Missstände gehen. Aber nichtsdestotrotz hat Debbie unglaublich viele Praxistipps für uns parat, und für euch natürlich auch: wie ihr mit digitalen Quellen arbeiten könnt, wie ihr nicht in die Plagiatsfalle tappt und wie ihr vor allen Dingen auch Plagiate erkennen könnt.

Carolin Hahn: Ja, dann wünschen wir euch ganz viel Spaß beim Zuhören und: Immer schön sauber bleiben!

Jens-Martin Loebel: Genau, lassen wir … *lacht* das ist gut … lassen wir sie aber einfach mal selber zu Wort kommen …

Vorstellung

Jens-Martin Loebel: Hallo, liebe Debbie. Danke, dass du dir heute Zeit genommen hast für uns.

Debora Weber-Wulff: Bitte, bitte.

Jens-Martin Loebel: Ja, du hast ja sehr viele Hüte auf. Gesellschaft für Informatik, Professorin an der HTW, “Plagiatsjägerin” wirst du gerne von den Medien bezeichnet. Was ist denn der Hauptbestandteil deiner Arbeit?

Debora Weber-Wulff: Ist schwer zu sagen, weil ich eben sehr, sehr viele Aktivitäten habe, sehr viele Interessen. Sachen, mit der ich mich beschäftige. Deswegen ist das schwierig zu sagen, obwohl ich natürlich dadurch, dass ich Fachhochschulprofessorin bin, bin ich ja im Semester hauptsächlich mit Lehre beschäftigt. Es ist schon ziemlich anstrengend, 18 Semesterwochenstunden zu tun und dann nebenbei auch noch was zu tun. Ist schon nicht ganz ohne.

Carolin Hahn: In welchem Fachbereich bist Du?

Debora Weber-Wulff: Also der Fachbereich heißt “Informatik, Kommunikation und Wirtschaft” an der Hochschule für Technik und Wirtschaft. Und ich bin im Studiengang “Internationale Medieninformatik”. Ich unterrichte in meiner Muttersprache Englisch viele Fächer im Bereich Programmierung, Webtechnologien – aber auch so ein paar obskurere Sachen wie E-Learning, weil ich da auch Interesse habe und auch in einem früheren Leben etwas in dem Bereich gemacht habe.

E-Learning und Wikipedia

Carolin Hahn: Dann erzähl mal.

Debora Weber-Wulff: Ich war früher, bevor ich an der HTW war, war ich an der was jetzt “Beuth-Hochschule” heißt. Wir haben damals einen BMBF-Leitprojekt bekommen. 69 Millionen Deutsche Mark, was richtig viel Geld war. Wir haben in Berlin 5 Millionen gehabt als Gruppe und wir haben die virtuelle Fachhochschule aufgebaut. Das läuft nach wie vor heutzutage. Das ist ein Online-Studiengang, sodass man Medieninformatik und Wirtschaftsingenieurwesen online studieren kann.

Carolin Hahn: Auch akkreditiert?

Debora Weber-Wulff: Akkreditiert. Voll akkreditiert.

Jens-Martin Loebel: Fantastisch.

Debora Weber-Wulff: Das war wunderbar. Wir mussten dazu ein virtuelles Bundesland gründen. Weil es gab sechs verschiedene Standorte in denen es stattfindet – mit sich widersprechenden Regelungen. Also in einem Bundesland dürften Übungen nicht bewertet werden, in anderen müssten sie bewertet werden und im dritten war es wahlfrei. Und so musste das alles so mit ein bisschen juristischem Hin und Her gehen, bis wir tatsächlich das hingekriegt haben. Und dann ist es natürlich auch akkreditiert worden.

Carolin Hahn: Und wie hieß das virtuelle Bundesland? Habt ihr ihm noch einen Namen gegeben?

Debora Weber-Wulff: Nein. Nein, nein, keinen Namen gegeben.

Jens-Martin Loebel: Das war nur um die Bürokratie auszutricksen?

Debora Weber-Wulff: Nur, um die Bürokratie auszutricksen, ja. Aber das läuft nach wie vor und ich habe damals einige E-Learning-Einheiten hergestellt. Eine über – es nannte sich “Propädeutikum Virtuale”, also dieser Einstieg in die virtuelle Lehre – was musste man da kennen?

Dann habe ich Softwaretechnik, das ist mein eigentliches Fach, ein Modul erstellt. Und eins, das nannte sich Hypermedia. Also über diese wahnsinnig tollen modernen Sachen inklusive dieses interessante kleine Projekt Wikipedia, was natürlich… Das ist völlig veraltet jetzt heutzutage, weil sich das alles so wahnsinnig schnell geändert hat.

Carolin Hahn: Vor welchen Wandlungen steht denn die Wikipedia, wenn du sagst: Das ist veraltet? Also, wenn ich jetzt zurückblicke, habe ich das Gefühl, dass sich die Wikipedia eigentlich so gut wie nicht geändert hat. So von meinem Gefühl her, von dem Design, von der…

Jens-Martin Loebel: Das stimmt.

Carolin Hahn: …von den Strukturen, die dahinter stehen.

Debora Weber-Wulff: Also es hat sich viel verändert, aber damals 2001 war es ein ganz klitzekleines Projekt, und es war noch gar nichts dabei. Inzwischen sind es so viele Regeln, wie man miteinander umgeht oder umgehen sollte, was gilt als gesichertes Wissen, was gilt nicht das gesichertes Wissen; riesige Problemen mit bezahlten Leuten, also Leute, die bezahlt werden, dafür zu schreiben bei der Wikipedia – und wie können wir das erkennen und wieder ausmerzen, also es sind sehr viele Diskussionen, die da hinter den Kulissen laufen, aber es sind super spannende Projekte, die laufen.

Die Wikipedia Commons, die sehr viele Bilder und andere Medien anbietet zur Nutzung, wenn man die Lizenzen respektiert. Und auch Wikidata, was also enorm zugenommen hat in den letzten paar Jahren, das hilft, es ist der Versuch das Wissen der Welt dann eben so zu codieren, dass man es programmtechnisch benutzen kann.

Carolin Hahn: Und schreibst du auch selbst mit bei der Wikipedia?

Debora Weber-Wulff: Na klar. Schon seit 2004.

Carolin Hahn: Und wie viele Artikel gehen auf dein Konto?

Debora Weber-Wulff: Nicht viel, also ich habe mich damals “Wise Woman” genannt, weil ich nicht sicher war, ob das was war, was ich gerne mit meinem Beruf in Verbindung bringen sollte. Aber das hat nicht lange angehalten: Ich war bei der Gründungsveranstaltung von Wikimedia das ist der Trägerverein dabei, und saß hinten und hab mich nur “Wise Woman” genannt, und irgendeiner meiner Studenten rief von der Bühne herunter “Hallo, Frau Weber Wulff”, und damit war es vorbei mit dem Inkognitosein. Nee, aber ich begleite Wikipedia schon relativ lange, bin eben Gründungsmitglied von Wikimedia und wenn ich es einrichten kann, gehe ich auch zu der Mitgliederversammlung.

Gute wissenschaftliche Praxis beginnt beim korrekten Zitieren

Jens-Martin Loebel: Das ist großartig. Ich finde es spannend, dass es ja so ein riesiges Projekt ist, das ja auch weltweit, der deutsche Ableger ist ja einer mit der größten noch mit, und es ist eine unschätzbare Ressource, also für die Forschung, und aber auch für Studierende. Danach haben wir in Deutschland so immer dieses Stigma, dass wir immer Studierenden sagen: Das dürft ihr nicht benutzen, das ist keine Quelle, keine vernünftige.

Debora Weber-Wulff: Genau, das ist keine vernünftige Quelle. Aber wir haben einen Anspruch in Deutschland, dass wir die Quellen angeben, und deswegen ist es die erste Stelle, wo man hingeht, um sich zu informieren. Und dann scrollt man runter und da gibt es dann die ganzen Referenzen. Und die muss man sich aus der Bibliothek besorgen oder sonst online besorgen. Was viele Studierende nicht wissen, ist dass wenn man etwas zitieren möchte aus der Wikipedia: Es geht.

Es gibt auf jeder Seite auf der linken Seite “cite this page”, “Seite zitieren”. Da kann man draufklicken, man kriegt in allen möglichen Varianten, und BibTeX für die Informatiker, kriegt man die Angaben, die man braucht, um die Seite zu zitieren. Aber man sollte nicht die Wikipedia zitieren, weil das ist eben nur eine Gemeinschaftsarbeit. Die Artikel sind oft sehr gut, aber man sollte immer zu den Quellen gehen, weil da steht oft nicht das Richtige in der Wikipedia drin. Und gerade Studierende sollten lernen, kritisch mit Quellen umzugehen.

Jens-Martin Loebel: Medienkompetenz ist ja so ein Thema, was sich generell durch diese Digitalisierung zieht. Und ja du sagst es, dieser Knopf, der ist ja seit Anfang an, glaube ich, schon da …

Debora Weber-Wulff: Seit Anfang an.

Jens-Martin Loebel: Seit Anfang an. Und meine Studierenden finden den auch nie. Aber auch generell dieses Problem, ja wie geht man mit Medien um und wie bewertet man die Vertrauenswürdigkeit einer Quelle. Dann haben wir das Problem, dass wenn man irgendwas in Google sucht, was ja auch die erste Anlaufstelle ist, und natürlich Wikipedia prominent immer platziert wird, sogar jetzt so einen Extra-Kasten kriegt mit der Definition von etwas – was natürlich erstmal vorgaukelt, es gebe hier sowas, wie: Das ist die Wahrheit oder das ist auf jeden Fall vertrauenswürdig.

Debora Weber-Wulff: Ja, genau darüber müssen wir wirklich mit Studenten diskutieren. Also was bedeutet das, und auch woher weißt du, dass irgendwas stimmt. Nur, weil fünf Leute das sagen, heißt es immer noch nicht, dass es korrekt ist. Du musst halt verifizieren können: a.) Haben die nur voneinander abgeschrieben, oder b:) Wie ist das denn wirklich entstanden?

Carolin Hahn: Gibt’s konkrete Richtlinien oder Guidelines, die ihr erstellt habt? Oder ist das …

Debora Weber-Wulff: Nein, nein, nein. Das ist …

Carolin Hahn: … ganz klassische Recherche im Archiv oder in einer Bibliothek?

Debora Weber-Wulff: Das ist eine Sache, die ich gerade Informatik-Studierenden klar machen muss: Es gibt Bücher! Ich schlepp mich immer ab mit so einer Tasche Bücher in die Vorlesung hinein und gebe sie rum. Die gucken mich dann immer mit so ganz großen Augen an, was das für ein Zeugs ist, was ich da mitnehme. Bei meinen Masterstudierenden – ich unterrichte ein Masterseminar – ich zwinge sie dazu, in eine Bibliothek zu gehen.

Sie haben Fragen, die sie beantworten können. Und Sie können sie nur beantworten, wenn sie vor Ort gewesen sind. Und dass sie eben gucken müssen: Was gibt’s für Datenbanken, die man vor Ort nutzen kann, die man nicht online benutzen kann. Was es da für Informationen gibt! Und dass sie lernen müssen, da so ein bisschen rumzuschauen und zu fragen und zu gucken, wo kann ich Information herkriegen.

Jens-Martin Loebel: Merkst du, dass sich da was verändert hat im Verhalten von den Studierenden?

Debora Weber-Wulff: Meine Informatik-Studierenden machen immer als erstes in einer Übungaufgabe Google auf und versuchen, die Lösungen zu ergoogeln. Und das funktioniert nicht. Und dann sind sie frustriert. Ich habe jetzt mit dem zweiten Semester Georg Pólyas “How to solve it” durchgenommen. Das ist ein ungarischer Mathematiker, der ganz klar gemacht hat: Ok, vier Schritte: Erstmal musst du verstehen, was das ist, was du suchst. Du musst also erstmal eingrenzen können: Was ist überhaupt meine Fragestellung? Was weiß ich, was weiß ich nicht?

Dann muss ich einen Plan machen, wie ich damit umgehen will. Dann setze ich den Plan um und dann muss ich zum Schluss gucken, ob das, was ich gefunden habe, auch richtig ist. Ob ich tatsächlich wirklich das gelöst habe, was ich eigentlich vorhatte. Und diese ganze Problemlösungsstrategie, das, das muss man denen beibringen. Und … versuchen, die wegzukriegen von Google, weil klar, die landen irgendwie auf Stack Overflow und verstehen nicht, was da steht. Und dann “Oh Gott, oh Gott, oh Gott, ich weiß nicht, was ich hier machen soll.

Carolin Hahn: Also wenn ich an meine eigene Studienzeit zurückdenke: Ich hatte das Glück, im ersten Semester zwei sehr gute Lehrer gehabt zu haben, die einfach wirklich bei jedem Studenten bei der ersten Hausarbeit in die Fußnoten geguckt haben und alles geprüft haben. Die haben tatsächlich die Literatur, die man zitiert hat, in die Hand genommen, haben geschaut, ob die Seitenzahl richtig ist, und ob’s richtig zitiert ist.

Debora Weber-Wulff: Ja, das ist richtig.

Carolin Hahn: Und das fand ich unglaublich wertvoll. Und ich hab das Gefühl, dass die Lehre in der Hinsicht auch gestärkt werden soll.

Debora Weber-Wulff: Man muss einen Schritt zurückgehen, weil man muss gucken: Warum setzen wir überhaupt Referenzen? Also es sind ja nicht nur Fußnoten, es können ja Endnoten, es können ja Innentext-Referenzen sein. Man müsste also genau davon sprechen, dass wir eine Referenz setzen: Wir setzen ein Verweis auf die Quelle. Wann muss ich das machen? Also wenn ich Fakten belegen will, eine Belegpflicht habe, dann muss ich es angeben. Wenn ich jemanden genau zitiere, dann muss ich auch die Referenzen angeben.

Wenn ich aber etwas paraphrasiere, also etwas, das jemand anders gesagt hat, in meinen eigenen Worten wiedergebe, dann muss ich auch klar machen: wo beginnt das und wo hört das auf. Und wo habe ich das denn tatsächlich her? Ich kann auch eine Zusammenfassung nehmen, dass ich sage, also hier ist das Kapitel soundso und ich fasse das jetzt in drei, vier Sätzen zusammen. Oder ich möchte gerne also Anerkennung geben: “Das ist dieses Verfahren von Wolfgang Coy”. Und dann will ich sagen, dass es seines ist und nicht irgendetwas, das ich mir ausgedacht habe – sondern von Wolfgang.

Und wenn man erstmal versteht, warum man diese Referenzen setzt, und … was für mich sehr einfach ist als Informatikerin und was ich versuche, in meinen Workshops Leuten klarzumachen, ist: Man braucht die Klammerung! Wo beginnt die Übernahme und wo endet die Übernahme? Klammer auf, Klammer zu. Und dann ein Pfeil, das ist der Verweis. So. Die Form, oh, da gibt’s ganz viele Formen: Gänsefüßchen und im Text Verweis, Fußnote, Endnote oder es gibt Einrückungen, das ist auch eine Art, ein Zitat darzustellen.

Oder ich beginne: “Wie Schmidt sagte …” und dann benutze ich das als Klammer zu dem Verweis. Und so kann ich immer schön einklammern: Klammer auf, Klammer zu und Pfeil. So kann ich zeigen: Was ist nicht von mir und was ist von mir? Das trennt sich dann viel netter.

Plagiate: Über Guttenberg und Goethes Zähne

Jens-Martin Loebel: Es ist also sehr wichtig in – gerade so digitalen Systemen, wo man aus verschiedenen Quellen ganz einfach Dinge zusammenfügen kann – zu lernen, eigene von fremden Gedanken zu trennen, auch im eigenen Kopf, aber eben halt auch im Text. Nun, Caro hat’s auch schon angesprochen, du bist ja viel in den Medien unterwegs und immer gerne mit Plagiatsjägerin bezeichnet …

Debora Weber-Wulff: Ich hasse das.

Carolin Hahn / Jens-Martin Loebel: *lachen*

Debora Weber-Wulff: Ich bin Wissenschaftlerin. Ich beschäftige mich mit Plagiaten als Wissenschaftlerin.

Jens-Martin Loebel: Das ist halt in der – typisch Medien – verkürzten Form. Aber wie bist du eigentlich dazu gekommen, dich mit Plagiaten zu beschäftigen?

Debora Weber-Wulff: Das verdanke ich meinen Studierende an der HTW Berlin.

Carolin Hahn: Ist das jetzt was Gutes oder Schlechtes? *lachen*

Debora Weber-Wulff: Ich hab mich ergeben. Aber als ich 2001 an diese Hochschule gewechselt bin und in meiner Muttersprache unterrichten durfte, hatte ich eine Semestergruppe. Es gab ein Fach “Kommunikationstheorie” wir fanden keinen Dozent dafür. Was weiß ich von Kommunikationstheorie … also … Fünf Wochen Systemtheorie kriege ich hin, ich habe ja Steinmüllers Buch gelesen, da lässt sich genug Material zusammenstellen. Dann habe ich mir die ganzen Themen ausgesucht: was ich gerne haben wollte, und die Studenten sollten recherchieren, Aufsätze schreiben und Vorträge halten. Dann würden wir uns alle ein bisschen schlauer nennen bezüglich Kommunikationstheorie.

Und dann habe ich Aufsätze gekriegt und zufällig war ich dann krank, ich hatte keine Stimme und hatte viel Zeit zu Hause, und fange an, diese Arbeiten durchzulesen. Mein Gott, was sind das für gute, sehr gute englischsprachige Aufsätze. So richtig gute Aufsätze. So Aufsätze, wo ich aus Muttersprachlerin ein Wort nachschlagen muss im Wörterbuch. Ok nee, das ist es nicht. Und ich fing an, ich habe mir fünf Arbeiten aus dem Stapel genommen und habe gegoogelt. Na und ich hatte zwei innerhalb von wenigen Minuten. Und dann bin ich sauer geworden und hab die Studentengruppe angefaucht, und, ey, was fällt euch denn ein dazu, das geht gar nicht, zieht eure Arbeiten zurück und schreibt die Klausur, aber das gab immer die Auswahl: Man konnte entweder eine Klausur schreiben oder einen Aufsatz schreiben.

Zieht eure Arbeiten zurück und schreibt die Klausur, sonst gibt’s nur ne 5.0 und ihr könnt nächstes Jahr wieder diesen Kurs nehmen und ich hatte zu dem Zeitpunkt gesagt, ich habe zwei gefunden. Und dann war es dann so ein bisschen so: Ich drohte an, ich gucke jetzt alle nach. Dann wollten sie wissen, wie viel hat sie gefunden … dann habe ich immer bekannt gegeben: Jetzt habe ich fünf gefunden. Und dann waren noch mal zwei in der Sprechstunde. Das schaukelte sich so ein bisschen hin und her und zum Schluss waren von den 36 Arbeiten waren 12 Plagiate. Einer immerhin hat zurückgezogen, den hatte ich nicht gefunden, den habe ich belohnt für seine Ehrlichkeit: Eine Firma hat irgendeinen Preis ausgeschrieben, dass man an einer Tagung teilnehmen könnte, das habe ich ihm dann gegeben, weil ich fand das gut, dass er ehrlich war und nicht gewartet hat, bis ich ihm die Pistole auf die Brust gesetzt habe.

Jens-Martin Loebel: Das scheint aber nicht das typische Verhalten zu sein von Studierenden, oder?

Debora Weber-Wulff: Na ja, es war ein ziemlich harter Psychokrieg, den ich da mit denen geführt habe. Die kannten mich noch nicht, das war mein erstes Semester an der HTW, die waren unsicher, was dann da wirklich passiert. Und ich war einfach stinkig, hab mich den ganzen Sommer über aufgeregt.

Jens-Martin Loebel: Verständlich.

Debora Weber-Wulff: Und hatte viele Freunde, die Lehrkräfte sind an allgemeinbildenden Schulen oder an einer Hochschule … “Wie hast du das gefunden? … und ich: “Ähh Google?!”

Carolin Hahn: Da war dann der erste Schritt Google. *lachen*

Debora Weber-Wulff: Und da habe ich gemerkt: Oh, viele Leute können nicht googeln. Die geben einen Begriff bei Google ein und dann “Oh Gott, oh Gott, oh Gott, fünf Millionen Ergebnisse, da ist nichts bei. Und zu lernen, aus einem Text die richtigen Wörter zu selektieren, es reichen drei bis fünf Wörter aus einem Absatz und man findet die Quelle. Google nutzt hier eine Abstandsmetrik, es ist völlig egal, ob ich Island und Grönland oder Grönland und Island schreibe, Google betrachtet die Wörter einzeln, rechnet eine Abstandsmetrik dazu – und das ist, was die PageRank ausmacht.

Und wenn man drei bis fünf Wörter hat, dann findet man das. Und die Leute dachten irgendwie, das wär Zauberei oder ich hätte eine Software geschrieben oder was weiß ich. Und so habe ich angefangen, Leuten zu erklären, wie man Plagiate findet. Dann habe ich einen Aufsatz im c’t geschrieben darüber, die waren auch überrascht darüber, “Wie …? Kann man Plagiate finden?” und so. Das ging so ein bisschen dann immer so durch die Presse und dann hatte ich meine E-Learning-Einheit zum “Plagiatefinden” erstellt und alle fragten mich, welche Software sollen wir dazu nehmen, welche Software sollen wir … und ich: “Oh mann, ey Leute, aber ok.

Ich teste die mal. Und hab ein paar Systeme getestet ganz simple Tests gemacht, und das schlug ein wie eine Bombe. Und diese Tests habe ich inzwischen so oft wiederholt, ich habe keine Lust mehr, alle fragen nach wie vor danach. Ich hab wirklich keine Lust mehr, weil man sieht einfach die Unzulänglichkeiten der Software in dem Bereich. Der Mensch sieht sehr schnell, wenn etwas ein Plagiat ist, aber diese Software lässt sich leicht hinters Licht führen und es gibt auch Softwaresysteme, die Studenten nutzen können, um die Software besonders gut hinters Licht zu führen.

Carolin Hahn: Echt?

Debora Weber-Wulff: Ja. Es gibt Software, eine nennt sich Synonymizer. Die ersetzt einen vorgegebenen Prozentsatz von Wörtern im Text durch ein Synonym.

Jens-Martin Loebel: Spannend, also wirklich so ein Wettrüsten zwischen …

Debora Weber-Wulff: Ja, oder es gibt andere lustige Sachen: Man ersetzt jeden zweiten Leerschritt im Text mit einem weißen A. Ja, oder man es jetzt einfach alle … Es gibt Buchstaben im russischen Alphabet, im kyrillischen Alphabet, die unseren sehr ähnlich sehen und die haben einen anderen Unicode-Wert. Und man ersetzt sie, ich habe meine Masterstudenten drangesetzt: Man kann 50 % der Zeichen in einem durchschnittlichen deutschen Text – wir haben Wikipedia dazu benutzt – kann man ersetzen durch kyrillische Buchstaben. Und das verwirrt die Software ohne Ende. Also da wird nix gefunden.

Jens-Martin Loebel: Aber dennoch ist ja ein riesiger Bedarf da. Das ist offensichtlich ein ungelöstes Problem. Ich würde gern nochmal da einen Schritt zurückgehen, weil das ja auch immer Teil der Diskussion ist: Was ist denn eigentlich ein Plagiat und wieso ist das überhaupt ein Problem für uns oder für die Wissenschaft?

Debora Weber-Wulff: Wissenschaft lebt ja davon, dass wir sagen, wer was gemacht hat. Also wir geben unser geistiges Eigentum frei und erhalten Ruhm dafür. Wir werden bezahlt mit Ruhm. Wir sind die berühmten Wissenschaftler, die dieses oder jenes oder …

Jens-Martin Loebel: Quasi die Währung der Wissenschaft.

Debora Weber-Wulff: Das ist die Währung der Wissenschaft. Und es ist so, dass wir immer sagen sollten, wer was gemacht hat. Wir sollten es nicht aneignen, wir sollten es nicht als unsere eigenen ausgeben, sondern immer klar machen: der hat das gesagt, der hat das gesagt, die hat das gesagt – und ich habe diesen Kleinen da oben draufgesetzt. Das ist, wie Wissenschaft eigentlich funktionieren sollte und bei einem Plagiat eignet man sich das an, was jemand anderem zugeschrieben werden kann, ohne es geeignet auszuweisen – als nicht eigenes.

Sondern was ist mein eigenes, was ist von jemand anderem – in so einer Situation, in der wir diese Originalität erfahren. Und das erwarten wir an einer Hochschule, da soll man lernen, eigene Gedanken zu formulieren und auszudrücken. Und das ist etwas, was wirklich die Wissenschaften in ihren Grundfesten erschüttert, wenn wir einfach so: “Och, ich nehme immer dieses und tue so, als ob es meins ist.” Nun ist es so, dass … da sind sehr viele Arten von Plagiaten, und das macht es schwierig, dann eben zu entscheiden. Und deswegen hat die Software das so schwer: Weil wenn sie großflächig einen Wikipedia-Artikel übernommen haben, also das sehen wir immer wieder bei Doktorarbeiten, die einfach so … eine Doktorarbeit in Medizin aus Bonn hat 11 Seiten hintereinanderweg wortwörtlich aus der Wikipedia.

Jens-Martin Loebel: Doktorarbeiten sind ja nicht so lang …

Debora Weber-Wulff: Ja, Medizin-Doktorarbeiten sind nicht so lang.

Jens-Martin Loebel: Ja, Medizin-Doktorarbeiten, genau.

Debora Weber-Wulff: Ja. Aber im Moment habe ich eine aus dem Business-Bereich, und das sind 40 verschiedene Wikipedia-Artikel mehr oder weniger wortwörtlich drin.

Jens-Martin Loebel: Wahnsinn.

Debora Weber-Wulff: Das ist es keine eigene Wissenschaft, was da betrieben wird. Und das ist halt das Problem in dieser Situation: Also man muss ganz klar stellen: Wo habe ich die Sachen her, was ist meins und was gehört dann eben zu anderen Leuten. Bei langen Passagen, die wortwörtlich übernommen sind, da gibt es eigentlich keine Diskussion. Da sehen wir ganz klar, dass es sich um ein Plagiat handelt. Aber sobald die Leute die Wörter umstellen … Studenten fragen in Foren nach: “Wie viele Wörter muss ich ändern, damit es kein Plagiat mehr ist?”

Jens-Martin Loebel: Das ist schon die falsche Frage.

Debora Weber-Wulff: Genau die falsche Frage. Es bleibt ein Plagiat. Man hat eine Bearbeitung vorgenommen, das ist aber keine originale Arbeit von einem selber. Und so eine Bearbeitung, die kann auch eine Urheberrechtsverletzung darstellen. Also man muss klar darstellen: Dieses kommt von diesen Personen und ich fasse zusammen, was die gesagt haben.

Jens-Martin Loebel: Also man kriegt neben dem ethischen-ideellen Problem vielleicht auch noch ein rechtliches Problem.

Debora Weber-Wulff: Ja. Es gibt jetzt aber gerade im Tagesspiegel gestern einen FAll von einem Steuerberater, der hat sich in Bratislava promovieren lassen und hat dazu ein paar Arbeiten aus grin.de, aus hausarbeiten.de genommen, die er dann zusammengestapelt hat. Und da hat der Autor von einer diesen Arbeiten davon Wind bekommen. Er kann klagen. Kein anderer kann klagen. Also eine Hochschule kann sich weigern, eine Note zu vergeben, aber der Urheber kann Klagen gegen das. Das ist eine Rechtsverletzung. Aber Plagiat ist in der Regel nicht urheberrechtlich interessant, sondern ist es an der Hochschule interessant als Täuschungsabsicht.

Man täuscht darüber, wer der Autor ist. Nun geht’s aber halt weiter: Nicht nur diese Veränderungen machen Plagiate aus, sondern es sind ja auch Übersetzungen. Manche Leute meinen, eine Übersetzung reicht aus. Nur … man hat nicht ein Diplom in Übersetzungswissenschaft haben wollen, sondern eines in Betriebswirtschaft oder sowas. Und dann gibt es eine Art von Plagiat – ich hätte nicht gedacht, dass es das gibt, aber das gibt’s sehr häufig, das wurde von Benjamin Lahusen als “Bauernopfer” benannt. Das heißt, es wird die Quelle angegeben, aber es wird nicht angegeben, wie eng dieser Text an der eigentlichen Quelle ist.

Oder es wird nicht angegeben, wie umfangreich die Übernahme ist. Das heißt: Ne Kleinigkeit wird ausgewiesen, das kommt aus dieser Quelle – teilweise mit Gänsefüßchen – und dann geht’s munter wortwörtlich weiter aus der Quelle. Und ich hätte nie gedacht, dass es das gibt. Aber das gibt es sehr häufig und bei sehr, sehr vielen Arbeiten haben wir genau dieses Muster gesehen: dass die Quellen angegeben sind. Man muss die noch besorgen und vergleichen mit der Arbeit und dann sieht man, wo das Plagiat ist.

Jens-Martin Loebel: Man hofft, dass man sich dann so schützt, indem man sagt, ich habe ja die Quelle angegeben.

Debora Weber-Wulff: Eben. Ich habe die Quelle doch angegeben. Oder – noch verschärft – ist: Ich habe es doch in die Literaturliste aufgenommen. Ja … Ja, ich gucke die ganze Literaturliste durch, um zu sehen, wo der Beleg für diese Aussage ist. Nein, so ist es nicht. Also es muss richtig an Ort und Stelle sein und durch diese ganze Vielfalt an Plagiatsarten … und das fängt noch nicht an mit dem strukturellen Plagiat oder wenn man etwas, was man schon veröffentlicht hat, noch mal verwendet.

Also eine duplicate publication, das gibt’s ja auch, oder Wissenschaftler. Man braucht viele Veröffentlichungen, also veröffentliche ich meinen Aufsatz gleich viermal! Und dann habe ich vier Veröffentlichungen, und dann kriege ich mehr Geld, das ist auch ein Plagiat-Problem, was eben weniger Studierende betrifft als Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.

Carolin Hahn: Gibt’s denn da Zahlen?…

Debora Weber-Wulff: Woher?

Carolin Hahn: …nein ich meine, also gibt es Zahlen, wie viele Studenten schon mal von der Uni geflogen sind deswegen. Oder ihren Doktortitel abgegeben …

Debora Weber-Wulff: Hier in Deutschland werden keine Statistiken geführt. Also in Schweden gibt’s ein zentrales Hochschulwesen und die sammeln, wie viele Hundert Plagiate gab’s, wie viel Mal wurden irgendwelche Strafen oder Sanktionen ausgesprochen. Und in Deutschland gibt es sowas nicht. Die Unis führen kein Buch darüber, und wir haben keine Ahnung, wie schlimm das Problem ist. Nur … das, was ich sehe, ist eben diese berühmte Spitze des Eisbergs meiner Meinung nach. Und ich sehe viel mehr, als mir lieb ist.

Jens-Martin Loebel: Also mit den ganzen Arten … Es scheint ja wirklich ein riesiges Problem zu sein. Und es ist ja so erstmal, dass es nur intern uns als Wissenschaft betrifft. Und man könnte ja jetzt denken: Ja, das ist was, das muss man den Studierenden nur beibringen. Und Doktorarbeiten ist ja so ein anderes Thema. Aber es ist ja spätestens seit dem Herrn Guttenberg auch im gesellschaftlichen Diskurs angekommen, wo das plötzlich von einem wissenschaftlichen Problem also zumindest in den gesellschaftlichen Diskurs kam, aber auch zu einem politischen Problem wurde.

Debora Weber-Wulff: Das ist nicht das erste Mal. Also ich habe mich mal mit der Geschichte von Plagiaten bisschen beschäftigt, habe mein Buch auch drüber geschrieben. Es gab einen sehr spannenden Fall in den 30er Jahren aus Würzburg: Ein Zahnarzt hat über Goethes Zähne promoviert, ja.

Jens-Martin Loebel / Carolin Hahn: *lachen*

Debora Weber-Wulff: Über dieses Thema lacht jetzt jeder und der Begründer der Theaterwissenschaft hier in Berlin hat das entdeckt. Und das waren einfach literarische Texte, die da übernommen worden sind, und hat das angeprangert in der Tageszeitung. Also es gab eine riesen Schlacht in den Tageszeitungen, wo also Vorwurf – Gegenvorwurf. Manche haben sich dann darauf versteift: “Na ja, wer kann schon über Goethes Zähne promovieren?” Und der Doktorvater hat das verteidigt: “Selbstverständlich darf ein Zahnarzt über Goethes Zähne promovieren.”

Und Knudsen, also der Theaterwissenschaftler, hat dann eine eigene Broschüre herausgebracht, wo er eben diese Gegenüberstellung gemacht hat, um zu zeigen, wie das gewesen ist. Letzten Endes hat das Ministerium tatsächlich darauf bestanden, dass der Doktorgrad entzogen wurde. Und bizarrerweise wird nach wie vor jetzt, in den 90er Jahren, in den Nullerjahren, habe ich Werke gefunden, die verweisen auf diese plagiierte Doktorarbeit, um zu zeigen, wie früh man sich mit dem Thema Goethes Zähne beschäftigt hat. Das heißt, das Wissen darum, dass es sich um ein Plagiat handelt, ist verlorengegangen. Und es wird nicht in den Katalogen vermerkt. Nicht immer. Und das bringt uns in Probleme.

Ist das sauber oder kann das weg? Wie können wir mit Plagiaten umgehen?

Carolin Hahn: Das würde mich nämlich auch interessieren, weil nur – also wenn ich mich jetzt auf die Seite der Plagiierenden stellen würde – nur weil ein Zitat nicht korrekterweise ausgezeichnet wurde, heißt das ja nicht, dass es keine originären Ideen in dem Werk gibt. Das heißt, es könnte ja sein, dass jemand eine Doktorarbeit schreibt oder eine Masterarbeit, wie auch immer, die sehr gut ist und die die Wissenschaft weiterbringen würde, der aber meinetwegen 30 % plagiiert hat. Wird die dann aus den Bibliotheken genommen? Oder: Was passiert mit diesen Arbeiten, die trotzdem – theoretisch – noch guten Inhalt hätten?

Debora Weber-Wulff: Aber das ist ja genau das Problem: Ich weiß nicht, ob es gute Inhalte gibt. Ich habe schon ein Indiz dafür, dass nicht richtig gearbeitet worden ist. Ich kann nie nachweisen, dass irgendwas nicht plagiiert ist. Das war bei Guttenberg sehr schön zu sehen, weil er hat aus dem wissenschaftlichen Dienst des Deutschen Bundestags übernommen gehabt und die Quellen waren nicht öffentlich. Es ist bei jemandem ein brauner Umschlag eingegangen, und da war der Text und die … die Quelle war angegeben und es passte du ja so wunderbar in die Arbeit von Guttenberg. Man kann nie sagen, nur soundso viel Prozent sind betroffen, sondern man kann feststellen, hier ist Plagiat, hier ist Plagiat, da ist Plagiat

Jens-Martin Loebel: Und damit ist das Vertrauen …

Debora Weber-Wulff: … Und damit ist das Vertrauen schon dahin. Eine Arbeit ist eine Einheit. Man kann nicht sagen: “Ach, da waren aber noch gute Ergebnisse drin, oder da noch.” Die Arbeit ist verdorben. Wir können jetzt nicht mehr mit diesem Werk irgendwas anfangen, und jetzt fangen die Probleme an: Was machen wir denn damit? Eigentlich sollte das Buch sowohl vermerkt werden in der Bibliothek. Mit dem Aufkleber, dass es sich um ein Plagiat handelt. Und es sollte in den Katalogen auch noch vermerkt werden, dass es sich um ein Plagiat handelt. Die Bibliotheken haben Angst: “Oh Gott, oh Gott, oh Gott, ich werde verklagt!”

Die Autoren meinen – und das meinen wirklich welche – es ist ein Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte, wenn sie als Plagiatoren geoutet werden. Also die deutsche Nationalität hat angefangen, einfach den Hochschulvermerk zu tilgen: Dass es keine Dissertation mehr wäre, aber es ist ein Buch. Es ist ja erschienen. Und die Bücher können ja nicht rausgenommen werden. Im dem Sinne: Vielleicht will jemand forschen zu dem Thema und man möchte es gerne sehen. Ich will jetzt z. B., neugierig wie ich bin, ich wollte gerne die 300-jährige Geschichte der Charité sehen. Das ist 2010 erschienen und musste auch so vom Markt genommen werden, weil es ein Plagiat war, also noch vor Guttenbergs Zeit.

Und die Exemplare, die in Berlin sind, sind alle im Giftschrank. Also man kann nur mit Voranmeldung und im Lesesaal und so weiter … aber ich habe gefunden, es gibt ein paar andere Unis, wo es einfach ganz normal im Regal steht. Kein Vermerk, nirgendwo, in irgendeinem von den Katalogen, dass es sich um ein Plagiat handelt. Man findet höchstens bei manchen “aus rechtlichen Gründen gesperrt”, was die Bibliothekssprache dafür ist, dass da irgendwas problematisch war dabei. Ich will das Ding sehen aus wissenschaftliche Interesse. Und deswegen kann das nicht verschwinden, nur es müsste vermerkt werden im Buch und im Katalog.

Carolin Hahn: Auf jeden Fall.

Debora Weber-Wulff: Und zwar nicht nur in dem einen Katalog, denn wir haben das Problem heutzutage: Jeder bedient sich von den anderen Katalogen, das heißt: Das, was bei der DNB eingeht, geht in die anderen Kataloge ein. Dann haben wir die Situation, dass die Deutsche Digitale Bibliothek zum Beispiel ihre Daten dann wieder aus anderen Katalogen nehmen und dann: Yooo, was ist mit Updates? Es gibt Updates und damit muss man jetzt arbeiten. Also diese Idee der Updates ist fremd, weil eigentlich solle es keine Updates geben. Ein Buch ist ja was festes, und deswegen fehlt komplett dieser Mechanismus, um diese Informationen weitergehen zu lassen.

Jens-Martin Loebel: Die digitalen Mechanismen, die sind in der Bibliothekswelt noch gar nicht angekommen?

Debora Weber-Wulff: Doch, also aber die Nachteile … also die Vorteile haben sie schon gesehen: “Oh, wir können ja die Daten sehen!” Ja, aber das Problem ist, dass wir eine Update-Anomalie haben. Dass, wenn ich Daten repliziere, wenn ich Datenbanken studiere, lerne ich: “wenn du Daten replizierst musst du gucken, wenn es an einer Stelle ein Update gibt, das muss als Broadcast an alle anderen gehen. Das heißt: Entweder musst du wissen, wer von dir kopiert hat oder wen du kopiert hast, dann musst du immer wieder die Updates, die Verfügung gestellt werden, abrufen können. Das wissen wir als Informatiker, aber das wissen eben Leute im Digital-Humanities-Bereich oft nicht. Weil es ihnen nicht bewusst ist. In der analogen Welt gab es dieses Problem der Updates eigentlich nicht.

Jens-Martin Loebel: Na ja, das ist also eine neue Klasse von Dingen, wo die Disziplinen zusammenkommen müssen.

Carolin Hahn: Wie ist es denn mit dem elektronischen Publizieren, das ja auch immer prominenter und auch vor allem wissenschaftlich immer anerkannter wird. Denkst du, dass es eher zur Aufklärung beiträgt, wenn ich direkt in den Text vielleicht was einsetzen kann oder indirekt das ePub updaten kann oder es ist das gleiche Problem?

Debora Weber-Wulff: ePubs sind toll, da kann ich viel schneller und viel einfacher nach Plagiaten suchen oder nach Wikipedia-Übernahmen. Wir haben feststellen müssen, dass es etliche Doktorarbeiten gibt, wo sie aus der Wikipedia Texte übernommen haben. Und die haben Word benutzt. Und Word war hilfreich dabei und hat die ganzen Unterstreichungen, das sind ja Links in Wikipedia mit eingebettet in Word-Text als Links.

Manche haben es nicht geschafft, die Unterstreichungen wegzukriegen. Viele schaffen es, die Unterstreichungen wegzukriegen, aber sie haben nicht gemerkt, dass die Links eingebettet sind im PDF. Und so kann ich mir die ePubs runterladen und einfach zum Spaß: “Saugt doch man einmal durch die Metadaten durch und guckt, ob da irgendwelche Wikipedia-Links drin sind.”

Jens-Martin Loebel: Großartig! Wir haben ja schon über Software gesprochen. Hat sich ein bisschen was geändert. Aber was ich so spannend fand an der Guttenberg-Affäre war, dass ja das Internet im großen Maße genutzt wird, um das Auffinden dieser Plagiate zu koordinieren. Was hat denn sich da geändert? Oder was können wir denn jetzt mit dem Digitalen?

Debora Weber-Wulff: Ja, was sonst oft passiert: Jemand meldet ein Plagiat und man haut auf den ein. Die Uni ignoriert den, es gab sogar jemanden, der ein Plagiat bei Guttenberg vorher gefunden hat, der hat es seinem Doktorvater gemeldet und der sagte: Um Gottes Willen, Junge, du willst ja hier fertigwerden, halt den Mund. Ja, deswegen … es wird oft klein gehalten und man verfolgt oft eine “Shoot-the-Messenger-Politik”.

Und hier jetzt mit GuttenPlag Wiki ist dann die Möglichkeit gekommen, dass verschiedene Leute auch aus der Anonymität heraus agieren konnten und einfach Fakten dokumentieren. Keine Aussagen: “Du bist ein böser Mensch!”, sondern “Seiten sowieso von diesem Werk. Die sind sich aber sehr ähnlich …” und einfach dokumentieren und dann diese Seite mit dieser Seite und diese Seite mit diesem Werk und diese mit dem – und so könnte man darstellen: die Fakten. Die Schlüssel muss eine anderer ziehen.

Und das ist ja auch bei der Arbeit bei VroniPlag Wiki so, das dokumentiert wird. Wenn es so viel ist, dass man denkt: Man muss das eigentlich jetzt veröffentlichen mit Namen dann wird die Hochschule informiert und gebeten, Maßnahmen zu ergreifen. Das ist immer sehr interessant zu sehen, wie die Universitäten da arbeiten.

Das Plagiatsportal und VroniPlag Wiki

Carolin Hahn: Ah genau. Also … dieses VroniPlag, was du grad schon angesprochen hast, das ist also ein kollaborativer Verbund von Wissenschaftlern …

Debora Weber-Wulff: Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die …

Carolin Hahn: … die quasi, die Zufallsfunde dokumentieren.

Debora Weber-Wulff: Ja.

Carolin Hahn: Und dann auch in so einer kleinen Seitenleiste die Prozentzahl des plagiierten Texts angeben. Das man das auch transparent offenlegen kann.

Debora Weber-Wulff: Die Prozentzahl der dokumentierten Plagiate – weil es ist keine Software, die bestimmt, wie viel das ist, sondern man benutzt verschiedene Methoden, um Quellen zu finden. Google Books ist ein großer Freund, es gibt viele Maßnahmen, wenn man diesen Text eben digital hat, ist es ganz einfach, dann kann man sogar ne Phrase oder so mal schnell googeln, um zu gucken, ob man das wiederfinden kann.

Das geht dann sehr einfach. Die werden dann dokumentiert mit Links auf die einzelnen Seiten, die dokumentiert werden, und da hilft uns das Urheberrecht natürlich, weil diese kleinen Zitate müssen ausgewiesen werden – und deswegen muss der Name von dem Autor des Buchs angegeben werden, sonst wäre es ein Verstoß gegen das Urheberrecht.

Jens-Martin Loebel: Aber du betreibst ja so ein Plagiats-Portal. War das für dich ein Grund, also sozusagen: “Jetzt stelle ich mal so eine Ressource online” oder “Jetzt bau ich das auf”?

Debora Weber-Wulff: Es sollte was Deutschsprachiges werden. Das Problem ist: Mir fehlt die Zeit, das zu pflegen. Also es musste viele neue Sachen müssten da noch mit aufgenommen werden, und mir fehlt wirklich einfach die Zeit, da noch neuere Sachen mit rein zu tun. Meine E-Learning-Einheit ist uralt, also die ist schon Prä-Guttenberg. Das heißt, nichts von diesen guttenbergischen Sachen ist da aufzufinden. Man müsste mehr Zeit haben, um sich damit beschäftigen zu können.

Jens-Martin Loebel: Kann man dich auch aktiv unterstützen? Das heißt, wenn es jetzt den ein oder anderen Hörerin oder Hörer gibt, die sagen: “Da möchte ich gerne ehrenamtlich oder möchte ich gerne Zeit investieren”?

Debora Weber-Wulff: Gerne, sowieso bei VroniPlag ist jeder gern gesehen, der Lust hat, eben wissenschaftlich zu arbeiten. Also es muss wirklich wissenschaftlich dokumentiert werden, es muss gegengelesen werden. Aber klar, … ich bräuchte… es übersteigt eigentlich, was man ehrenamtlich machen kann, diese E-Learning-Einheit zu überarbeiten. Ich habe so viele Bruchstücke hier und da.

Carolin Hahn: Das heißt, auch als Student? Also ich muss keinen wissenschaftlichen Abschluss haben, um dir helfen zu können?

Debora Weber-Wulff: Auf keinen Fall. Also, das ist nicht notwendig.

Carolin Hahn: Aufruf!

Carolin Hahn / Jens-Martin Loebel: *lachen*

Carolin Hahn: Aber ich muss nochmal fragen. Das sind Zufallsfunde oder gibt’s da wirklich Wissenschaftler, die sagen “So, jetzt nehm ich mir mal die Dissertation von XY raus”?

Debora Weber-Wulff: Es gibt alles. Es gibt Zufallsfunde, es gibt wirklich einigermaßen strukturierte Vorgehen. Mal zum “Spaß” – “Spaß” in Anführungszeichen – einer sagte: “Wir haben lange keine Juristen mehr gehabt”, und ich sagte: “Pfff, wir haben Bremen noch nicht auf der Liste gehabt”, und jemand ist losgezogen und ist durch die ePubs für Dissertationen durchgegangen, und fing mit den neuesten an. Und da war eine Doktorarbeit, sie war wirklich erst seit einem Monat veröffentlicht, und diese Doktorarbeit hat einfach ganz viel Wikipedia-Kopien drin gehabt.

Carolin Hahn: Bei der Wikipedia auch noch!

Debora Weber-Wulff: In Jura! In Jura…

Carolin Hahn: Also das ist am einfachsten zu entdecken.

Debora Weber-Wulff: In Jura, in Jura. Fünf Jahre nach Guttenberg. Also man fragt sich, unter welchen Stein diese Menschen gelebt haben, die haben es wirklich nicht mitgekriegt. Es ist nicht mehr Thema, es ist nicht mehr präsent, die Leute kennen Gutenberg nicht mehr.

Jens-Martin Loebel: Das heißt, das ist schon wieder alles abgeflaut?

Debora Weber-Wulff: Das ist schon wieder abgeflaut.

Carolin Hahn: Oder sie nehmen sich nicht wichtig genug, um zu denken, jemand guckt meine Arbeit wirklich durch. Also ich kann mich erinnern, dass wir teilweise Haare in die Hausarbeiten gelegt haben, um zu gucken, ob die gelesen werden.

Debora Weber-Wulff: Gelesen werden, ja.

Carolin Hahn: Und wenn man halt mit so einer Haltung die Doktorarbeit abgibt, dann … ja, man erwartet es einfach nicht.

Debora Weber-Wulff: Man erwartet es einfach nicht. Aber das ist ja eben die Sache. Es kann auch sein, es gibt Leute, die wissen Bescheid. Also wir kriegen oft Eingaben: “Wir wissen, dass diese Arbeit eine Kopie von dieser anderen Arbeit ist, aber bitte sagt meinen Namen nicht.” Und es gibt die Leute, die schreiben und sagen: “Jens ist ein Idiot, guckt mal seine Doktorarbeit an!” Das heftet man ab in den Mondordner.

Es sei denn, jemand kommt an und sagt: “Wirklich, hier ist eine Quelle, da ist eine Quelle, da ist eine Quelle.” Dann könnte es interessant sein. Also es sind ganz verschiedene Methoden, die verwendet werden. Es war ein Experiment, was ich vor vielen Jahren mit einigen Leuten aus VroniPlag Wiki gemacht habe: Wir haben aus vielen verschiedenen Universitätsbibliotheken die Doktorarbeiten runtergeladen, die digitalen. Und dann erstmal innerhalb der Universität alle miteinander verglichen und Ketten gefunden.

Also in Münster gibt es eine Kette, so ein Plagiat von einem Plagiat von einem Plagiat, alles beim selben Doktorvater. Dann fanden wir auch bei der Charité Plagiat vom Plagiat beim gleichen Doktorvater, dann entdeckten wir Intercluster, das heißt: Jemand ist von einer Uni zur anderen Uni gegangen, hat von dort eine Doktorarbeit genommen, nach dem Motto: “Das fällt nicht auf” und als eigene eingereicht.

Jens-Martin Loebel: Die ganze Arbeit?

Debora Weber-Wulff: Ja.

Jens-Martin Loebel: *staunt*

Debora Weber-Wulff: Teile, die ganze, alles Mögliche, alles schon gesehen. Alles schon gesehen. Und so sind relativ viele gefunden worden. Das, was fehlt ist die Zeit, zu dokumentieren, weil die Gruppe macht das in ihrer Freizeit und man hat nicht so viel davon.

Umgang der Hochschulen mit Plagiaten

Jens-Martin Loebel: Aber es ist ja interessant: Da ändert sich ja jetzt ganz viel im Wissenschaftsbetrieb durch diese Digitalisierung, durch die Möglichkeiten, das so aufzufinden. Wie gehen in die Unis damit um? Glaubst du, das ist schon der richtige Weg? Oder was fehlt noch? Also du hast gesagt, einige haben Angst, ihren Namen zu nennen. Wie wird denn damit umgegangen derzeit? Oder wie sollte man damit umgehen?

Debora Weber-Wulff: Ganz unterschiedlich. Also mein Kollege Gerhard Dannemann von der Humboldt-Uni und ich haben vor einigen Jahren Aufsatz “Viel Licht und noch mehr Schatten” veröffentlicht, wo wir erzählt haben: Es gibt Unis, wir kriegen postwendend – also ich zähle innerhalb von zwei Wochen als postwendend – aber es gibt halt sehr die Universitäten, wo ich innerhalb von fünf Stunden eine Eingangsbestätigung für meine E-Mail bekomme.

Jens-Martin Loebel: Wow.

Debora Weber-Wulff: Wow. Der Rekord isto jetzt bei 30 Minuten, also …

Jens-Martin Loebel: Deutsche Verwaltung.

Debora Weber-Wulff: Es ist nicht die Verwaltung dann, sondern es ist der Dekan selber. Weil wenn ein Unfall gemeldet wird, wenn man ermitteln kann, wer die zuständige Person ist an der Hochschule, dann wird es an diese Person geschickt. Aber die Homepages ist von den Hochschulen sind grauenhaft, und deswegen werden in der Regel Ombud für gute wissenschaftliche Praxis, Dekan und Präsident. Die kriegen das alles auf einmal. Und es sind meistens die Dekane oder teilweise die Präsidenten, die dann sofort melden.

Andererseits gibt es andere Hochschulen. Eine Hochschule: Ich hab das hin gemeldet – kein Antwort. Nach zwei Wochen frage ich nach: “Hallo, haben SIe meine E-mail bekommen?” Keine Antwort. Ich habe angerufen: “Haben sie meine E-Mail bekommen?” “Wir wissen von nichts.” Ich habe die Dokumentation ausgedruckt, in Farbe, habe das mit Einschreiben hingeschickt, um wirklich einen Beleg zu haben, dass es eingegangen ist, aber bis heute ist nichts passiert in diesem Fall. Und das ist ja die Sache: Es gibt Fälle, die dümpeln jahrelang dahin. Das heißt, es gibt kein Verfahren für den Umgang damit, es wird nicht zügig gearbeitet an allen Hochschulen. Manche Hochschulen packen das.

Was meine Vorstellung ist, ist dass es in etwa ein Semester dauern muss. Man muss sich die Zeit nehmen. Man muss den Vorwurf angucken, muss es kontrollieren: Hat es Hand und Fuß? Man muss den Plagiator oder mutmaßlichen Plagiator muss man anhören und dann muss man zu einer Entscheidung kommen. Was werden wir denn machen? Möglichst innerhalb der Promotionsordnungen, die gelten. Weil vielen Hochschulen ist es so peinlich mit ihren Plagiaten, sie erteilen Rügen. Die sind aber nicht in den Promotionsordnungen vorgesehen – und das ist jetzt das Problem. Das Werk liegt jetzt da, es ist nicht vermerkt, dass es sich um ein Plagiat handelt, der Mensch führt seinen oder ihren Doktorgrad munter weiter. Keiner sieht diese Rüge.

Jens-Martin Loebel: Also wirklich nur mal auf die Hand geklopft und gesagt: Du, Du!

Carolin Hahn: Das bringt ja wirklich auch die anderen Doktorarbeiten in Verruf. Es spiegelt wieder…

Debora Weber-Wulff: Genau das.

Jens-Martin Loebel: Es schadet dem ganzen System.

Debora Weber-Wulff: Es schadet dem ganzen System. Aber die Unis denken immer: “Oh Gott, oh Gott, oh Gott, wir wollen nichts sehen, nichts hören und gar nicht drüber sprechen.” Das ist ein Fehler meiner Meinung nach. Im anglo-amerikanischen Raum – in Australien, England, USA – ist es anders. Da wird offen drüber gesprochen und das führt ja dazu, dass man das Gespräch führt – darüber: Was ist gute wissenschaftliche Praxis? Warum machen wir das?

Carolin Hahn: Und, dass die Hemmschwelle einfach auch höher ist, so was zu machen.

Debora Weber-Wulff: Gibt es trotzdem, aber man redet drüber.

Jens-Martin Loebel: Was glaubst du, woran das liegt? Ist das an der Art, wie hier ein Promotionsverfahren geführt wird, oder …?

Debora Weber-Wulff: Die Universitäten sind nach wie vor so ein bisschen kleine Königreiche und die Doktoranden sind die Leibeigenen von den Doktorvätern und -müttern. Das ist nicht überall so, es gibt Promotionsschulen jetzt, und also ein bisschen bessere Betreuung, aber da herrscht in einigen Fächern nach wie vor diese Meinung: “Du hast jetzt fünf Jahre geschafft für deinen Herrn, jetzt kriegst du deinen Doktorgrad – bzw. es gibt auch Leute, die unbedingt diesen Doktorgrad haben wollen; koste es, was es wolle, weil sie gerne den Respekt haben möchten, den man in Deutschland jemandem entgegenbringt, der den Doktorgrad hat. Und da muss eine Revolution an den Hochschulen stattfinden. Es muss vor allem oben kommen.

Die Hochschulleitungen müssen sagen zu ihren Professoren und Professorinnen: “Hey Leute, wir tolerieren hier kein wissenschaftliches Fehlverhalten! Aber das ist das Problem. Dort wird Fehlverhalten toleriert man sagt nichts. Ein Großteil von den Arbeiten hier bei VroniPlag Wiki, also viel mehr als Politiker und Politikerinnen, sind Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen. Es gibt sogar zwei Fälle, wo sowohl Promotion als auch Habilitation textuelle Übereinstimmungen aufweisen mit vorher publizierten Werken.

Wenn Leute die als Forscher, Professoren, mit Plagiaten dorthin gekommen sind, die geben das weiter. Studierende sehen: “Aha, der ist damit durchgekommen, der ist damit Oberarzt geworden, obwohl er plagiiert hat. Aah, ok, so macht man das!” Und so ist ja diese ganze Kultur entstanden – und wir müssen gegen diese Kultur angehen.

Jens-Martin Loebel: Das ist so ein Geklüngel und dann will niemand dem anderen schaden, weil jeder irgendwie …

Debora Weber-Wulff: Und man hat Angst, man verliert seine Stelle, wenn man sagt … und das passiert, das habe ich häufiger gesehen: Jemand sagt was und dann: “Haha, leider konnten wir Ihre Stelle nicht verlängern.” Ja, wir haben diese ganzen prekär beschäftigten Leute in der Wissenschaft, die sich wirklich … kennst du ja selber …

Jens-Martin Loebel: Kennen wir alle.

Debora Weber-Wulff: … von Vertrag zu Vertrag hangeln. Auch das trägt dazu bei. Und deswegen, es gibt keine einfache Lösung. Aber es muss ein Ruck durch die Wissenschaftslandschaft gehen. Und ich sehe den nicht kommen, also ich sehe viele Lippenbekenntnisse: “Ja, ja, ja, wir kaufen eine Software. Ja ja ja, wir bieten unseren Doktoranden ein Seminar an. Damit ist alles okay.”

Es gibt Exzellenzcluster und will ich auch eines benennen: Die TU München nimmt das wirklich ernst. Ich habe einen Workshop angeboten gehabt an der TU München, da waren 50 PIs anwesend, die wirklich …, die selber wissen wollten: Was kann ich tun, damit in meinem Labor, in meinem Forschungsgebiet so etwas nicht passiert. Da ist nun ein Interesse und es kommt von oben. Es wird von oben durchgegeben: “Hey, wir sind eine Exzellenzuniversität, wir wollen das hier nicht tolerieren.” Aber bei vielen anderen Universitäten ist eben dieses … dieses fehlt ja, dieses, von oben kommend zu sagen: “Bei uns wird nicht plagiiert.”

Carolin Hahn: Na ja und, wie gesagt, auch wirklich in der wissenschaftlichen Praxis zu sehen: Er guckt auch nach. Also da, wo ich was abgebe, kommt halt mal ne Rückfrage “Ach, was ist denn das für ein Buch?” oder “Stimmt die Seitenzahl?”. Also ich meine jetzt wirklich in den grundständigen Studiengängen.

Jens-Martin Loebel: Ich glaube, das ist so ein aktives Betreuungsverhältnis, was wir brauchen.

Carolin Hahn: Genau. Das man sich einfach beobachtet fühlt als Student.

Debora Weber-Wulff: Das ist sehr, sehr wichtig. Dass man zur Rechenschaft gezogen wird.

Jens-Martin Loebel: Ich glaube, das Betreuungsverhältnis ist im angelsächsischen Raum auch nochmal ein ganz anderes.

Debora Weber-Wulff: Das weiß ich jetzt nicht genau, wie das ist in den USA. Ich meine, es ist ja auch furchtbar teuer in den USA.

Jens-Martin Loebel: Stimmt.

Lesetipps für Studierende

Jens-Martin Loebel: Ja, das scheint ja tatsächlich ein notwendiger Ruck zu sein. Was kann man denn Studierenden, die also völlig verunsichert sind, was sie jetzt tun können – was kannst du denen denn raten? Oder gibt es irgendeine Seite, wo die hingehen können oder irgendwas tun können?

Debora Weber-Wulff: Es ist wichtig, zu lernen. Also diese Ehrlichkeit an den Tag zu bringen. Und wenn man Fehler macht: wunderbar! Also ich renne durch das Labor, wenn es Fehler gibt, und … so wie heute waren zwei: “hmmm … wir haben so Fehlermeldungen in Eclipse …” Ich: “Yeah, super!” Ich liebe Fehlermeldung. Wir lernen aus unseren Fehlermeldungen. Es gibt im deutschen Sprachraum wenig, was da wirklich hilfreich ist. Ich weiß, im angelsächsischen Raum gibt es so wunderbare kleine Studienbücher. Also es gibt eines wirklich über Plagiarism.

Ich kann es euch zeigen, es ist ganz toll auf den Punkt gebracht: Wann muss ich referenzieren? Warum referenziere ich? Und dieses Wissen muss eigentlich in den Proseminaren vermittelt werden. Es geht allerdings nicht, dass die Proseminare vollgestopft werden, weil ich meine … du sagtest schon: Feedback! Feedback ist wunderbar. Nur jedes Mal, wo sie noch eine rein tun, und noch einen rein … wenn da 100 Leute drin sind in einem Proseminar … Ein Dozent kann dann nicht mehr drei Arbeiten durchlesen. Der wird nie fertig. Das ist halt so ein Problem: Man braucht die Zeit, um Feedback zu geben, und auch die Bereitschaft, Feedback zu geben. Ich sehe natürlich viele Kollegen und Kolleginnen, die keine Lust haben, Feedback zu geben, weil es so mühselig ist. Die lassen sich die Sachen nur kurz vorführen oder so.

Jens-Martin Loebel: Also ist es kein technisches Problem, sondern halt …

Debora Weber-Wulff: Es sind die Rahmenbedingungen.

Debora Weber-Wulff: Es muss von oben kommen. Dieser Wille: Bei uns wird kein wissenschaftliches Fehlverhalten toleriert. Wir tun das bei uns nicht. Dass wir diese Kultur nach unten vermitteln – aber auch von unten unten muss man auch sagen: “Hey wir finden es wichtig, wir wollen das gerne lernen, warum ist das so?” Auch beim Dozenten zu hinterfragen: “Wieso kann das sein, dass Sie das veröffentlichen hier und in diesem Journal? Das ist doch derselbe Text, warum ist das so?” Das ist natürlich in Deutschland gefährlich, solche Fragen zu stellen als Studierende, aber man sollte den Mut haben.

Jens-Martin Loebel: Du hast gesagt, es gibt keine vernünftigen Ressourcen so richtig im deutschsprachigen Raum. Jetzt haben viele Unis angefangen für Erstsemester dieses “Einführung ins wissenschaftliche Arbeiten” anzubieten. Jeder muss sich das erstmal zusammensuchen, was man denn da eigentlich lehrt, in dem Seminar. Also mir ist es aufgefallen, also selbst bei uns an der Uni von Studiengang zu Studiengang komplett unterschiedlich ist, was da unterrichtet wird.

Debora Weber-Wulff: Dabei gibt es sooo viele Werke über wissenschaftliches Arbeiten. Also ich schwöre, das müssen Hunderte sein, die erzählen, wie wissenschaftliches Arbeiten geht. Und ich meine, dieses eine Grundwerk über wissenschaftliches Arbeiten von René Theisen, das ist in der 18. Auflage oder so. Also das Ding gibt’s schon seit langem.

Carolin Hahn: Aber wie kann ich mich denn … Also als Student stehe ich ja vor zwei Gefahren. Einmal: Es könnte sein, dass ich irgendwo vergessen habe, zu zitieren oder das bewusst gemacht hab – wie auch immer da die Motivationen sind. Und andererseits aber auch: Wie kann ich mich denn schützen vor Plagiaten?

Debora Weber-Wulff: Arbeitstechnik. Also nicht einfach irgendwo was lesen oder große tolle Sachen aus dem Internet kopieren, ohne die Quelle anzugeben. Das heißt, wenn man anfängt, was zu lesen, aktiv zu lesen: Aufnahmen machen! Früher hat man auf einer Karteikarte die Annahme aufgenommen. Jetzt kann man’s ins Zotero oder Citavi aufnehmen, dass man wenigstens erstmal diese Angaben hat. Und dann aktiv zu lesen! “Was habe ich jetzt hier rausgezogen, was habe ich hier gelernt, was habe ich da gelernt?” Und zu dokumentieren, sodass man das parat hat.

Carolin Hahn: Aber auch – also ich meinte das eher so rum: Wie kann ich mich vor Plagiierenden schützen?

Debora Weber-Wulff: Gar nicht.

Carolin Hahn: Also gerade dieses Problem mit Goethes Zahnarzt.

Debora Weber-Wulff: Gar nicht. Also das ist das Problem. Also das einzige, was man tun kann … es gibt ein paar Sachen eine meine Studentinnen hat das mal erstellt … dass man, wenn ich einen Text fertig habe und ich möchte sicher sein, dass keiner davon plagiiert: Ich erzeuge mir einen Zeitstempel damit, das heißt ich nehme den Text und einen Zeitstempel mache einen Hash-Wert – und trage das in die Blockchain ein von Bitcoin.

Jens-Martin Loebel: Blockchain löst alles! *lacht*

Debora Weber-Wulff: Blockchain löst alle Probleme. Aber damit kann ich nachweisen: Zu diesem Zeitpunkt war mein Text genau so. Und dann kann ich nachweisen, dass mein Dozent von mir geklaut hat – und nicht ich von dem Dozenten. Das passiert nämlich leider fürchterlich oft, dass Dozenten Arbeiten von ihren Studierenden einfach unter eigenem Namen veröffentlichen.

Jens-Martin Loebel: Das ist ein Problem, über das wird ja gar nicht gesprochen.

Debora Weber-Wulff: Oh darüber reden wir gar nicht. Aber es gab also einen Fall vor paar Jahren in der Informatik: Es gibt von Springer ein wunderschönes Buch in drei Bände. Die “Geschichte der Datenverarbeitung” oder “Geschichte der Rechenmaschinen”. Ja, und was war da passiert? Es sieht so aus, als ob die Studenten ihre Aufsätze geschrieben haben und von der Wikipedia kopiert haben – und es ist dem Dozenten nicht aufgefallen und er hat dann einfach deren Aufsätze genommen und unter eigenem Namen veröffentlicht.

Carolin Hahn: Das zum Thema Kultur.

Jens-Martin Loebel: Wow.

Debora Weber-Wulff: Ja, Springer musste diese Bücher einstampfen.

Jens-Martin Loebel: Klar. Ich bin gerade ein bisschen sprachlos. Ja, das ist eine Sache, die geht so weit … das zieht sich quasi durch alle Schichten.

Debora Weber-Wulff: Das ist diese Kultur. Das durchzieht die ganze Hochschule. Und deswegen ist es natürlich schwierig, aber deswegen sollte man nicht aufgeben, sondern man muss jeder für sich bemüht sein, ehrlich zu arbeiten. Anzugeben, was man getan hat, Arbeitstechniken zu lernen. Und immer wieder zu hinterfragen: “Wo hast du das denn her? Meinst du das wirklich so? Habe ich es wirklich von diesem Werk, wenn ich von anderen …?” Also immer wieder diese, dieser kritische … wie es Robert K. Merton genannt hat: der ‘organisierte Skeptizismus’. Immer hinterfragen.

Carolin Hahn: Ja, und vor allen Dingen Selbstorganisation. Es gibt die digitalen Tools. Und wenn’s nur Word ist, kann ich einen Kommentar dran machen und kann mir notieren, wo ich es her habe.

Jens-Martin Loebel: Ja, dass ich das selber nicht vergesse.

Carolin Hahn: Genau. Also wirklich auch die einfachsten Texteditoren sind gute Plagiatsjäger für einen selbst quasi.

Carolin Hahn: Aber wärst du auch dafür, dass man direkt wie so Thesen aufstellt und eine richtige Wissenschaftsethik für digitales Publizieren oder überhaupt Publizieren?

Debora Weber-Wulff: Aber Ethik hat ja nichts damit zu tun, dass es die eine Regel gibt. Das sind Normen. Wenn wir als Gesellschaft uns darauf einigen, so machen wir das. Das wird eine Norm, das wird ein Gesetz. Und wenn es ethische Fragestellungen haben wir verschiedene Meinungen dazu und deswegen…

Carolin Hahn: Nennen wir es eher Codex, wie so ein Pressecodex, wie so ein Publikationscodex.

Debora Weber-Wulff: Ja aber wir können das nicht vorschreiben. Ich kann nicht vorschreiben, Du bist ein guter Mensch. Weil das ist meine Interpretation davon was ein guter Mensch ist. Und ich kann das dir nicht aufzwingen aber wir können darüber reden und wir können aushandeln. Wie würden wir handeln in dieser Situation. Es ist nicht eindeutig und deswegen muss ich mich entscheiden, wie ich dann tatsächlich handeln würde in dieser Situation.

Deswegen, meine Güte, wenn die Hochschulen sich schon nicht drauf einigen können, wie sie vorgehen wollen bei wissenschaftlichem Fehlverhalten. Die kriegen sich auch nicht geeinigt auf irgendeinen Wissenschaftscodex. Und es gibt für die Wissenschaft die DFG-Leitlinien für gute wissenschaftliche Praxis, die immer wieder am Arbeiten sind. Ich finde es nicht gut, was im Moment bei der DFG arbeitet. Die wollen gerne betonen, dass Whistleblower, die fälschlicherweise jemanden bezichtigen, dass die dann empfindliche Sanktionen spüren sollen. Das schreckt die Whistleblower ab. Wir müssen viel mehr den Whistleblowern sagen: Komm, ihr könnt wirklich anonym bleiben. Wir wollen wissen was da tatsächlich passiert dahinter.

Jens-Martin Loebel: Das widerspricht ja genau diesem Ziel mehr Aufklärung.

Debora Weber-Wulff: Mehr Aufklärung, mehr Offenheit hinzukriegen.

Jens-Martin Loebel: Wenn ich das so raushöre scheint ja eine weitere wichtige Sache zu sein, die Kommunikation zu fördern. Das man sich einfach unterhält und eben nicht …

Debora Weber-Wulff: Man muss sprechen und das ist ein Teil dieser Kultur des Zitierens. Kultur von guter wissenschaftlicher Praxis heißt: Wir reden miteinander darüber. Wir sind unterschiedlicher Meinung, aber wir diskutieren darüber, warum mache ich das so, warum mache ich es anders. Kann es okay sein, in dieser Situation, oder nicht? Dass wir drüber reden über gute wissenschaftliche Praxis.

Wünsche an Studenten und Hochschulen

Carolin Hahn: Und als kleines Schlusswort: Was würden Sie denn dem Nachwuchs mit auf den Weg geben noch einmal so zusammengefasst? Also drei Punkte.

Debora Weber-Wulff: Mutig sein, immer nachfragen, immer wissen wollen – und immer ehrlich bleiben.

Jens-Martin Loebel: Was wäre dein Wunsch an die Hochschulen oder den Wissenschaftsbetrieb?

Debora Weber-Wulff: Die sollen sich echt einen Ruck geben und Ressourcen investieren. Sie müssen die Möglichkeiten haben, tatsächlich diese Diskussionen anzustoßen. Es sollte vielleicht auch Teil von der Akkreditierung sein: “Sag mal, liebe Hochschule, wie viel Plagiatsfälle hatten Sie denn im letzten Jahr? Sag mal, liebe Hochschule” …

Jens-Martin Loebel: Als Metrik einführen.

Debora Weber-Wulff: Als Metrik … Metrik – aber die Nachfrage. Das wurde ja in die Akkreditierung, die Gender-Frage wurde hineingebracht, in die Akkreditierung hinein, um das ein bisschen zu forcieren. Lass uns mal die gute wissenschaftliche Praxis mit einbringen: “Liebe Hochschule, wie ist Ihr Verfahren? Was ist Ihre mittlere Bearbeitungsdauer für Fälle, für gute wissenschaftliche Praxis, ja?”

Jens-Martin Loebel: Sehr gute Frage.

Carolin Hahn: Wer sind die zuständigen Personen?

Debora Weber-Wulff: “Wer sind die zuständigen Personen? Was habt ihr für Maßnahmen ergriffen im letzten Jahr?” Da kann man dann so eine Angel reinschieben …

Jens-Martin Loebel: Was wird aktiv wirklich gemacht?

Debora Weber-Wulff: “Was macht ihr denn eigentlich?” Diese Nachfragen. Weil im Moment Moment gibt es keinen, der nachfragt – abgesehen von einzelnen Journalisten, die mal nachfragen und hektische Aktivität an den Hochschulen auslösen, wo diese so: “Wie, Plagiatsfragen? Wir wissen gar nichts mehr von …” Und dann wird geguckt, ob da nicht irgendwo in irgendwelchen Schubladen irgendwas noch steht …

Jens-Martin Loebel: Woran arbeitest du perspektivisch?

Debora Weber-Wulff: Perspektivisch … och … im Moment arbeite ich dran an das Problem von Duplicate Publications, das ist, wo Wissenschaftler bewusst einen Artikel zweimal veröffentlichen lassen, oder Text Recycling: einen Teil von einem Text woanders benutzen oder eben ganz glatt ein Plagiat begehen. Und ich habe jetzt eine Untersuchung, die ich vor Jahren angefangen habe, ich bin noch nicht fertig damit, wo ich einfach nachgeguckt habe:

Wie reagieren die Verlage, wenn ich sie informiere über so einen Fall? Einfach gucken. Reagieren sie überhaupt? Noch mal schreiben: “Hi, ich bin’s! Ich habe Sie informiert! Was machen Sie denn da eigentlich?” Und beobachten: Passiert was? Gibts ne Retraction? Gibt’s ne Correction? Passiert gar nichts? Ich hab Fälle gefunden, wo der Editor-in-Chief vom Journal ein Co-Autor von dem plagiierten Werk ist. Wie reagiert der in so einer Situation? Das Problem ist: Es ist so viel, so viel an unglaublichen Sachen passiert. Ich habe bei Einem versucht, das zusammenzuschreiben auf 28 Seiten. Das ist einfach zu lang.

Jens-Martin Loebel: Das kann man auch gar nicht mehr fassen.

Debora Weber-Wulff: Das kann man gar nicht mehr fassen. Ich habe überlegt, ob ich ein Buch schreibe dazu. Wer hat schon Lust, sich durch diesen ganzen Morast zu robben? Eigentlich habe ich da zwei Themen, die ich jetzt noch veröffentlichen will. Einmal: Was ist passiert? Nämlich teilweise gar nichts, teilweise absurde Sachen. Also eine Retraction wurde in meinem Namen publiziert. Ich bin die Autorin, und jetzt krieg ich ganz viel Spam zu diesem Thema. Das ist unheimlich lustig. Einerseits lustig, lustig oder traurig … andererseits:

Was bedeutet es, wenn ein Aufsatz korrigiert wird oder es eine Retraction gibt. Wir sind eine digitale Welt! Cool, die Dinge sind alle draußen, aber jetzt ist es das Problem: Früher haben Leute Zeitschriften abonniert und gelesen. Immer durchgeblättert: “Oh, interessant! Lese ich.” Jetzt nutzen Leute Suchmaschinen und die landen irgendwie auf einer Seite und die haben keine Ahnung, was die Reputation von diesem Journal: Ist es ein gutes Journal oder ein schlechtes Journal? Gabs Peer Review wirklich für diesen Aufsatz? Ich sehe nur diesen Aufsatz und ich benutze den ja jetzt. Wenn es aber eine Retraction gibt: Es müsste eigentlich passieren, dass eine Retraction Notice publiziert wird. Dass der Artikel markiert wird.

Es kann nicht weggenommen werden. Oder, was wir auch gesehen haben, ersetzt werden durch ein anderes. Es muss markiert werden, dass es retracted ist, das muss in die ganzen Indizes! Das ist das gleiche Problem wie bei der Deutschen Digitalen Bibliothek: Die Indizes wie Pupnet und, und Scopus und, und all diese anderen Datenbanken. Die müssen auch die Informationen mitkriegen, dass es sich nicht mehr um eine richtige Arbeit, sondern um ein Plagiat handelt … oder eine Duplicate Publication. Sodass, wenn ich dort lande, ich weiß: Da gibt’s ein Problem mit dieser Arbeit. Da könnten wir noch zwei Stunden drüber diskutieren über diesen Bereich.

Verabschiedung

Jens-Martin Loebel: Du hast uns schon ganz, ganz viel Zeit geopfert. Vielen, vielen lieben Dank. Ich glaub das ist auch …

Carolin Hahn: … Ja, war super interessant.

Jens-Martin Loebel: Super interessant.

Carolin Hahn: Ja genau, dann noch einen schönen Abend und vielen Dank, dass wir bei dir sein durften.

Jens-Martin Loebel: Ja, vielen Dank.

Debora Weber-Wulff: Ja, bitteschön. Tschüss dann.

Carolin Hahn: Ciao.

Jens-Martin Loebel: Ciao.

Wow. Ja, das war wirklich viel Information in kurzer Zeit. Wir haben euch das alles wieder verlinkt. Die ganzen Bücher, die uns Debora empfohlen hat, die ganzen Online-Quellen, und ihr könnt natürlich auf ihr Plagiatsportal gehen. Auch das findet ihr alles wieder online zusammen mit den Folgen-Notizen.

Carolin Hahn: Und das Transkript gibt’s natürlich auch.

Jens-Martin Loebel: Ja, bleibt kritisch, schaut selber nach, guckt euch vor allen Dingen die Quellen an. Wenn dort irgendwo ein Link genannt ist, schlagt doch selber mal in dem Buch nach oder besorgt es euch online – bei Google Books geht das ja ganz einfach – und schaut nach, ob das war wirklich so steht.

Carolin Hahn: Und wenn ihr doch was findet, dann könnt ihr immer gerne mal VroniPlag mitmachen und euren ersten Eintrag starten. Das kommt ja auch eure eigenen Reputation zugute, wenn wir alle Wert auf eine gute wissenschaftliche Praxis legen.

Jens-Martin Loebel: Wissenschaft lebt davon, dass wir wissen, wer was gemacht hat dass wir es nachvollziehen können. Nun aber genug der ernsten Worte. Wir freuen uns über jegliches Feedback. Schreibt uns gerne auf der Webseite, hinterlasst einen Kommentar zu dem Beitrag.

Carolin Hahn: Ihr seid noch ganz schön faul auf unserer Seite muss ich jetzt mal sagen. Ruhig ich ein bisschen mehr kommentieren, wir freuen uns über jedes Feedback.

Jens-Martin Loebel: Wenn ihr uns mal helfen wollt, die Audioqualität ein bisschen zu verbessern dann könnt ihr uns auch gerne unter Patreon.com/DigiWissen einen kleinen Beitrag spenden. Das nächste Mal gehen wir zurück in die Geisteswissenschaft …

Carolin Hahn: … zu Fotis Jannidis, der Professor in Würzburg ist, und uns über Autorenstile etwas erzählen wird.

Jens-Martin Loebel: Ja, das kann man nämlich inzwischen mit digitalen Methoden auch wunderbar vergleichen und auswerten.

Carolin Hahn: Also vielen vielen Dank fürs Zuhören.

Jens-Martin Loebel: In diesem Sinne wünschen wir Euch ein paar sonnige Wochen und hören uns zur nächsten Folge. Tschüß!

Carolin Hahn: Ciao!

[♫ Intromusik ertönt ♫]

Volker Davids: Das war Digitale Wissenschaft. Weitere Informationen und Links sowie Diskussionsmöglichkeiten zum Podcast findet ihr auf unserer Webseite digitale-wissenschaft.de. Dort gibt es auch unserem Wissensblog in dem wir über Tools, Software und hilfreiche Methoden der digitalen Forschung informieren. Wenn euch die Sendung gefallen hat, könnt ihr uns gerne auf der Crowdfunding-Plattform patreon.com/digiwissen unterstützen. Unser Titellied lautet Epic Song und ist von BoxCat Games. Wir bedanken uns bei allen Zuhörern und freuen uns schon auf das nächste Mal.

[Intromusik endet]

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